Die Erschöpfung der Schutzwesen

Am Kobenzl mit der Roten und der Rotzgrünen. Fotos: Ursula Fehle
Am Kobenzl mit der Roten und der Rotzgrünen. Fotos: Ursula Fehle

Die wirklich harten Burschen fahren bekanntlich Motorrad. Fürchten weder Radarfallen noch Tod. Wuchtig drücken sie ihre schweren Maschinen in die Kurve, schleifen die Knie am Asphalt und fühlen die pochenden Herzen ihrer Mädels im Rücken.

Soweit das Ideal. Im richtigen Leben beginnt diese Geschichte mit einem modrigen Motorradhelm, geht weiter mit einer blutenden Blase am Mittelfinger. Auf Todesangst folgt kurzer Triumph, eine jauchzende Beifahrerin und schließlich ein übel zugerichteter Ellenbogen.

Aber der Reihe nach.

Seit ich im Frühling 1997 meine Honda Dominator 500 verkaufte – ein Unfall hatte mir die Euphorie genommen – ruhte der alte Marushin-Helm ungebraucht im Keller. Er muss einer Mäusefamilie als Behausung gedient haben. Das Innenfutter porös, das Visier voll Dreck, roch er so schlimm nach Moder und Verderbnis, dass ich ihn zunächst mit Deo einsprühte, um ihn dann drei Tage auf der Fensterbank atmen zu lassen.

In meiner alten Endurojacke, die wegen ihrer breiten Schulterpolsterung bei den Kollegen große Heiterkeit hervorrief, – „du bist ja so 90er-Jahre”, prustete etwa Apfl und lief davon, ehe ich ihn am Stehkragen seines Kulturenversteherhemdchens packen konnte – stieg ich in den Casinobus nach Wiener Neudorf zur Honda-Vertretung.

Als sie dort vor mir stand, war der Ulk vergessen. Geduckte Haltung. Fette Reifen. Schnauze wie ein zorniges Reptil, das zubeißen will. Ein High Tech Racer in rotzfrechem Grün, futuristisch wie aus The-Fast-and-the-Furious mit Digitaltachometer und dickem Auspuffstummel.

Angst. Zehn Jahre saß ich schon nicht mehr auf einem Motorrad. Und jetzt gleich auf ein 125 PS starkes Gefährt steigen? „Ist nicht so schlimm“, beruhigte die Pressedame, „das ABS ist großartig. Sie fährt sich ganz gemütlich.“ Vorsichtig raus aus dem Industriepark, auf die Südautobahn. Der Helmriemen schließt nicht richtig und trommelt vor sich hin. Die Finger: verkrampft. Weil ich die Handschuhe vergessen habe, wird sich am linken Mittelfinger vom Kuppeln eine blutige Blase bilden.

Doch derlei ist schnell vergessen. Es riecht nach Gummi und Benzin. Hungrig hängt die Maschine am Gas. Zieht unbarmherzig nach vorn. Rauschgefühl! 250 km/h geht die CB1000R laut Prospekt. Krause Theorie. In Ermangelung eines Windschutzes werden die Arme schon bei 130 km/h lang. Würde man die zulässige Höchstgeschwindigkeit um, sagen wir, fünfzig Stundenkilometer überschreiten, fühlte es sich wie Klimmzüge an.

Als 18-Jähriger schien der Tod so fern: Beim Wettrennen zum Groß Enzersdorfer Eissalon schlitterten wir aus der Kurve und bestellten nachher stolz und dumm einen Coup Dänemark, ehe wir ins Spital fuhren. So locker geht es jetzt nicht mehr. Vorsichtig schleiche ich zur Sophienalpe hinauf. Die Honda scheint in jeder Spitzkehre zu höhnen: „Ist das alles, was du draufhast?“ Meine Beifahrerin auf dem bierdeckelgroßen Sozius hat ebenfalls keine Scheu. Jauchzt, gluckst und jubelt bei jeder Schräglage und bei jedem BMW-Fahrer, den wir in den Auspuff schauen lassen.

Als ich die Maschine zurückgeben muss, bin ich erleichtert. Die schützenden Wesen, die uns angeblich umgeben, sind es vermutlich auch. Sie müssen so erschöpft gewesen sein, dass sie sich im Anschluss an das Wochenende freinahmen. Warum sonst die auffallende Häufung meiner Missgeschicke? Als ich den Orientalen in der Rotenturmstraße nach dem Mittagessen verließ, stolperte ich in den Nebentisch und zerbrach dort alle Gläser. In der Redaktionssitzung bewahrte mich nur ein geistesgegenwärtiger Kollege vor dem Sturz beim Schaukeln. Und als ich mich mit Schwung auf den Bürosessel setzen wollte, verklemmte sich mein Bein zwischen Rücken- und Armlehne und ich rollte ungebremst gegen die Fensterkante, was mir eine Schürfwunde am Unterarm eintrug.

Inzwischen glaube ich sagen zu können, dass sich die Wesenheiten einigermaßen erholt haben. Vielleicht warte ich noch ein zwei Wochen und borg mir dann wieder ein Motorrad aus. Vielleicht bleibe ich auch beim Fahrradfahren. Obwohl, wie das Mädel so hinter mir saß, das fand ich dann doch ziemlich gut.

Fazit: Die CB1000R ist ein aggressives und überraschend handliches Naked Bike zum Angeben und für die Höhenstraße, das sich durch Motorleistung, ein gut abgestimmtes Fahrwerk und eine ungewöhnliche Optik auszeichnet. Negativ: Die brettelharte Sitzbank und die völlig unbrauchbaren Mini-Spiegel.

Erschienen in Falter 32, Mobilitätskolumne

Die Watschen sind zu wenig: Markus Rogan braucht mehr Biss

Die Straße zum Ruhm ist von Staub bedeckt. Und wer Nationalheld in Österreich werden will, muss sich in diesem Staub wälzen wie ein Wiener Schnitzel in der Panier. Talent, Fleiß und Beharrlichkeit in Ehren. Aber zur Ikone braucht es mehr: Vor Aufstieg kommt Fall, vor Glück kommt Elend. Wer Achtung will, muss leiden. Das war bei Thomas Muster so, der in ein Auto lief, um, als der Trümmerbruch verheilt war, zu triumphieren. Oder bei Hermann Meier, der nach spektakulärem Motorradunfall zurück in die Siegeszone raste. Markus Rogan, der Aal unter den österreichischen Nationalheldenschaftsanwärtern, hat diesen Zusammenhang durchschaut, agiert aber noch zu verhalten. Ein paar Watschen vom römischen Türlsteher reichen nicht. Da muss Ärgeres her, ein Haibiss zum Beispiel. Sonst wird es nix mehr mit dem Ruhm.

Glosse in Falter 32, Seite

Rebellion in Enzi-Land

Die Jugendlichen blasen zum Kampf um das Museumsquartier. Ist es den Aufstand wert?

Bettina Gross lebt jetzt in der Hölle. Aber das war nicht immer so. Denn vier Jahrzehnte lang wohnte die 47-Jährige im Paradies. Ruhelage, der Charme des Altbaus, zuvorkommende Nachbarn, eine Gehminute von der Mariahilfer Straße entfernt. Bis dann, vor sechs Jahren, die Kultur in die ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen einkehrte. Und mit ihr die Plastikmöbel, die man „Enzis“ nennt. Seither vergeht kein Tag, an dem sich Gross nicht ärgern muss. Es stinkt nach Fett aus den Lokalen. Untertags kreischen die Kinder. Und das Schlimmste, sagt sie, folgt nach Mitternacht: „Raufereien, Brüllereien, Jugendliche auf Drogen, die sich auf der Erde wuzeln, die schreien, pfeifen, trompeten und sogar miauen.“

Für Gross, die seit Jahren mit der Verwaltung des Museumsquartiers im rechtlichen Clinch liegt, war es ein kleiner Triumph, als MQ-Verwalter Wolfgang Waldner Anfang Juni die Hausordnung prominent an den Eingängen platzieren und mittels privater Sicherheitstrupps exekutieren ließ. Allerdings währte die Freude nur kurz. Denn nachdem sich binnen einer Woche auf der Onlineplattform Facebook fast 20.000 „Rebellen“ sammelten, ruderte Waldner zurück. Als am Samstag 2000 Demonstranten aufmarschierten, hatte er bereits zugesichert, die Hausordnung aufzuweichen.

Die Protestbewegung ist aus mehreren Gründen interessant. Sie zeigt, wie einfach sich junge Menschen mobilisieren lassen. Sie zeigt, wie moderne Kommunikationstechnologie diese Mobilisierung begünstigt. Wenn Florian Glöcklhofer und Daniel Renn, die 20-jährigen Organisatoren der Facebook-Gruppe „Freiheit im MQ“, heute dieses Areal als „Wohnzimmer von Wien“ bezeichnen, dann zeigt das auch, was dieses Areal für das Lebensgefühl einer Generation bedeutet.

Weiterlesen in Falter 25/2009 (17.6.2009)

Fühlt sich gut an: Plädoyer für eine neue Politik aus dem Bauch

Das Bundesheer bleibt also im Assistenzeinsatz. Zwar sind sich alle einig, dass die Soldaten die Grenzen nicht sicherer machen, aber dafür – argumentiert Bundeskanzler Werner Faymann – werde das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung gestärkt. Diese mutige Entscheidung ist zu begrüßen. In einer Welt, in der alles immer komplizierter wird, muss Kopf weg und Bauch ran. Gefühlsechte Lösungen passen für jedes Problem: Gegen die Angst vor Jobverlust setzen wir einen Gewerkschaftsfunktionär in jedes Büro. Angst vor Armut oder sinkender Pension? Wir drucken “Du bist reich” auf jeden Kontoauszug. Gegen Todesangst helfen Politiker, die uns ein Kreuz unter die Nase halten. Es gibt nichts, das sich nicht mit Gefühlspolitik bekämpfen ließe. Außer vielleicht das Gefühl, hier mächtig für dumm verkauft zu werden.

“Falter” Nr. 23/09 vom 03.06.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

Mama sagt: Der Kofferraum ist zu klein

Wie zwei scheue Rehlein, die nach den Entbehrungen des Winters die Nähe des fütternden Försters suchen, laufen sie das Trottoir entlang. Machen irgendwann kehrt, um die Straßenseite zu wechseln. Zögerlich kommen sie näher. Glucksen, kichern, während ich lässig am Fahrzeug lehne und vorgebe, sie nicht bemerkt zu haben. Die Sonnenbrille und das Telefonat mit Kollegen Apfl, der mir von Armenien erzählt, helfen mir dabei. Als die Mädels ganz nah am Gefährt sind, fasst sich die eine Mut: “Schönes Auto. So ein schönes Blau.”

Sekunden später bin ich mitten drin in einem Gespräch über Testautos, Journalismus und das Publizistikstudium der beiden. Ich bin sehr stolz, während Kollege Apfl, den ich immer noch in der Leitung halte, keuchhustet vor Neid. Er wäre gern mitgekommen, aber für ihn ist Ausfahren heute tabu, weil er sich im Kaukasus einen exotischen Infekt zugezogen hat. Und wer zu krank ist, um in die Redaktion zu kommen – so die Regel -, der darf auch nicht raus auf die Straße zum Spielen.

Für Apfl ist das schade, weil der stahlblaue Mini Cooper mit dem milchschokoladebraunen Fetzendach, den mir Mini Wien (Standort Donaustadt) überlassen hat, macht mächtig Spaß. Das Auto pickt auf der Straße wie ein Kaugummi im Roulettekessel und hat dabei mit seinen 120 PS genug Kraft, um flott aus der Kurve zu beschleunigen.

Beschleunigen ist freilich so eine Sache in der Stadt. Bekanntlich soll die Freiheit des einen dort enden, wo die Freiheit des anderen beginnt. Und nirgendwo hat sich dieses Prinzip besser verwirklicht als in einem Automobil, das im Stau steckt. Da nützt auch der monströs dimensionierte Tacho nichts. Andere entscheiden jetzt, wie viele Meter es im Stop and Go auf dem Franz-Josefs-Kai weitergeht.

Radfahrer gleiten ungeniert an mir vorbei. Andererseits haben die keine Zeit, sich den vielen Schaltern und Knöpfen zu widmen, die in die Mittelkonsole gebaut sind: Fensterheber, Türverriegelung, Popoheizungsschalter und der Schieber, mit dem man die Farbtemperatur der Leuchten in der Fahrgastzelle ändern kann. Vermutlich als eine Art Hommage an britische Exzentrik befindet sich an der Stelle, wo normalerweise der Lautstärkeregler für das Radio angebracht ist, ein Drehknopf zum Verstellen des Senders.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die “Auto-Start-Stopp-Funktion”. Sie bewirkt, dass der Mini im Leerlauf automatisch den Motor abwürgt. Diese Technologie soll helfen, Benzin zu sparen. Wird die Kupplung getreten, rasselt der Starter und der Benzinmotor springt wieder an. Aber es dauert eine Schreckmillisekunde, bis der Wagen losfährt. Zeit, die notwendig wäre, den GTI an der Ampel abzuhängen. Der Apfl, wäre er zu diesem Zeitpunkt im Auto gesessen, hätte sich über derart gescheitertes Imponiergehabe blendend amüsiert.

Meine Mama hingegen hat für so ein Hatzerl ohnehin nichts übrig. Als ich sie besuche, um die Hemden abzuholen und ein Stück Kuchen zu essen, unterzieht sie den Mini gleich dem Praxistest.

Das Verdeck, das sich innerhalb von weniger als zehn Sekunden zurückschiebt, beeindruckt sie nicht wirklich. Die Alufelgen fallen ihr gar nicht erst auf. Vielmehr merkt sie kritisch an, dass der Kofferraum zu klein sei für die Kleidersäcke: “Na super, ich hab die ganze Arbeit und du stopfst die gebügelten Hemden da hinein, damit sie erst recht wieder zernudelt sind.”

So sind Mütter eben. Sie sehen nicht, dass der wirklich relevante Faktor ein anderer ist: die Autokinotauglichkeit nämlich. Und da schlägt sich der Mini ganz passabel. Die Freundin von der Arbeit abgeholt, Soulmusik rein, Wind ins Haar und ab über Blue Highways Richtung Groß-Enzersdorf. Noch ein Einkehrschwung bei McDrive, die Scheibe sorgfältig gereinigt und dann “X-Men” auf der großen Leinwand. Was könnte schöner sein!

Fazit:

Der Mini Cooper Cabrio ist ein sympathisches Auto, das Spaß macht. Im Alltagsbetrieb zeigt das Fahrzeug ein paar eigenwillige Schrullen. Wer dieses Auto erwirbt, muss außerdem fortan seine Hemden ungebügelt tragen oder selbst das Bügeln lernen.

“Falter” Nr. 20/09 vom 13.05.2009 / Mobilitätskolumne


Einmal Heuschrecke und retour

Wie Sparkassen ans schnelle Geld wollten und sich daran vergifteten. Eine kleine Geschichte des Bankwesens

Vier Jahrzehnte lang war Peter Kroneis (Name von der Redaktion geändert. Anm.) Bankangestellter, bis er vor fünf Jahren als Filialleiter in Pension ging. Die Bank, bei der er im Jahr 1967 begann, hieß Zentralsparkasse (Z) und vor jeder Filiale rotierte eine beige-orange-farbene Kugel. Am Weltspartag kamen die Leute in Scharen, um die Münzen aus ihren Sparschweinen gegen Spargeschenke zu tauschen. Aus den Schaufenstern lächelte der Sparefroh. „Damals“, sagt Kroneis, „waren wir die Sparkasse des kleinen Mannes.“

Die Welt, wie Kroneis sie zu Beginn seiner Karriere kennenlernte, ist nicht mehr. Der Schilling wertlos, und keiner drängt sich mehr am Weltspartag in die Banken. Die Zentralsparkasse – gegründet im Oktober 1905 von der Gemeinde Wien – ist heute eine Tochter der italienischen Uni Credit. Die von Hans Hollein entworfenen Kugeln vor den Filialen wurden von Wellen anderer Logos fortgespült.

Die Geschichte der Zentralsparkasse von den 80er-Jahren bis heute ähnelt jener der meisten großen österreichischen Kreditinstitute. Innerhalb von drei Jahrzehnten werden aus Bankbeamten Verkäufer, aus Kunden Anleger, aus Zweigstellen automatisierte Verkaufsbuden und aus gemeinnützigen Institutionen gewinnorientierte Unternehmen, die auf globalen Finanzmärkten um die höchstmöglichen Rendite pokern. Wenn die Märkte schlingern, stellen sich die Banken um staatliche Kapitalspritzen und Haftungsgarantien an. In dieser Woche verhandeln auch die Bawag und ihr neuer Eigentümer, der US-amerikanische Aktienfonds Cerberus, mit der Republik um frisches Geld aus dem österreichischen Steuertopf.

Als Kroneis 1967 Bankangestellter wird und nach einem Jahr Dienst die Prüfung ablegt, um „definitiv“ gestellt, also unkündbar zu werden, ist eine derartige Entwicklung unvorstellbar. Die großen Banken sind – so wie die wichtigsten Industrien – seit dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht oder staatsnah. Die Bankgesetze sind streng. Der Berufsstand des Bankers steht für Seriosität und Verlässlichkeit. Ein gesellschaftlicher Archetyp wie der Pfarrer, der Lehrer oder der Arzt. Wer am Schalter mit Geld hantiert, genießt das Vertrauen seiner Kunden. „Die haben mir alles erzählt“, erinnert sich Kroneis stolz, „ihre Urlaubsanekdoten, ihre privaten Problemchen und ihre amourösen Geschichten. Das darf man heute ja gar nicht mehr sagen: Wir haben getratscht und Schmäh geführt. Das hat die Bindung zum Kunden gestärkt. Der ist nicht gleich zur Konkurrenz gelaufen, nur weil dort der Kredit um einen halben Prozentpunkt billiger war.“

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US-Wahlkampf im Falter: Das Fleisch der Einwanderer

US-WAHL Die Präsidentschaftskandidaten schimpfen nicht über Ausländer. Das überlassen sie Provinzpolitikern. Illegale Einwanderer – das wissen John McCain und Barack Obama – halten die Industrie in Gang. Die Schlachthäuser von Omaha zum Beispiel. Continue reading “US-Wahlkampf im Falter: Das Fleisch der Einwanderer”

Start der Serie im Falter

US-WAHL Amerika ist mehr als Obama gegen McCain. Sterbenden Städte, politisierende Priester, Kultur der Gewalt und Kultur des Friedens. Reise durch ein zerstückeltes Land.

Im Kellertheater des Silver Legacy Casino in Reno, Nevada, sitzen die Komiker Alex Valdez und Bob Kubota an einem Tisch. Valdez, Jahrgang 1955, steht seit 31 Jahren auf der Bühne. Er ist gebürtiger Mexikaner und blind. Kubota, geboren 1964, ist Kind japanischer Einwanderer. Die beiden sind Freunde, trotz gegensätzlicher Gesinnung: Valdez, ein Republikaner, hat die letzten beiden Male George W. Bush gewählt. Für den progressiven Kubota, der regelmäßig in den Irak reist, um dort vor US-Truppen aufzutreten, ist Bush ein Idiot. Von den Auffassungsunterschieden der beiden Komiker ist in der Show nichts zu bemerken. Über alles Mögliche machen sie sich lustig: Sie spotten über Harley-Davidson-Fahrer, über Mormonen und über Cowboys, die Schafe vögeln. Über Kubotas Japanischstämmigkeit und über Valdez’ Behinderung. Aber zwei Themen bleiben unverarscht: Religion und Politik.
„Wenn wir über diese Themen Witze machten“, erklärt Valdez, „würde sich die eine Hälfte des Publikums blendend amüsieren. Die andere wäre tödlich beleidigt.“ Anders als Fernsehstars wie Jon Stewart, Stephan Colbert oder Bill Maher, kratzen Kubota und Valdez wohlweislich nicht an der Oberfläche aus Patriotismus und amerikanischer Träumerei, die die USA verbindet. Würden sie das tun, träten nämlich bald die Gegensätze dieser Nation zutage. Amerika ist kein einiges, auch kein bloß zweigeteiltes Land. Es ist eine Vielzahl unabhängiger und widersprüchlicher Welten. Mit Menschen, die einander nicht verstehen, weil sie einander nie berühren. Die unterschiedliche Lebenskonzepte haben, andere Ideale und einen anderen Glauben. Die andere Nachrichten und andere Produkte konsumieren. Erst wenn es ans Wählen geht, treffen diese Welten aufeinander. Dann zwingt man all die Farben in ein monochromes Schema. Bist du schwarz oder weiß? Bist du Demokrat oder Republikaner? Bist du Obama oder McCain?

Weiterlesen im Falter (Teil Eins)

Weiterlesen im Falter (Teil Zwei)

ROADTRIP TO THE WHITE HOUSE

“What are Americans like today?” John Steinbeck wanted to know when he started the trip that he later turned into the book Travels with Charley. 50 years later, it is time to ask the same question again and to follow the great US-American writer’s trail.

This is a multimedia-reporting project. From August to November 2008, a group of international reporters will travel the United States to draw a profile of the USA in the election year. News is provided multilingual in a blog, in print articles, photos, interactive maps, audio-slideshows and/or video, depending on the demands of the media-organisations.

The tour investigates the key issues of these elections – immigration, health care, environment, crime, private possession of firearms and security. It picks up the voices of the men and women in the streets. It will be politics, episodes and anecdotes, a mosaic of stories, an attempt to describe the diversities and contradictions of this nation.

The journey will take us to the battleground states. We will explore the Mexican border and the Bible-Belt. We will compare big city urban areas to old and new suburbia and to the generally declining rural towns of America. We are going to see places hard hit by globalization. There will be excursions to Native American reservations, to places of school shootings and an investigation of the rebuilding process in New Orleans.

Coordinator of the tour is Matthias Bernold, who graduated from the Columbia University Graduate School of Journalism in New York City in May 2008. Bernold works for the Austrian daily newspaper Wiener Zeitung and for the Austrian weekly Falter.

Roadtrip to the White House in der Wiener Zeitung

Die Lichtbringer – Zur Zukunft des Journalismus

INTERNET Die Zukunft der Zeitung sieht düster aus. Aber für den Journalismus gibt es Hoffnung. Drei Beispiele aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Brian Storm gibt sich leger. Sein schütteres Haar ist kurz geschoren, statt Hemd und Krawatte trägt er T-Shirt und abgewetzte Jeans. Gerade bemüht sich der Mittvierziger, die tragbare Festplatte an den Apple in Klassenzimmer 107a anzuschließen. Das ist nicht leicht – die USB-Ports sind schwer zugänglich, weil tief im Kabelsalat des Wandschranks verborgen. Außerdem geht die Klimaanlage nicht. Storm schwitzt und flucht. „Ok“, sagt er zu den 14 Studenten als die Festplatte endlich steckt, „ich zeig euch jetzt ein paar Videos. Dann fragt ihr mich was!“.

Brian Storm gilt als Lichtbringer in der düsteren Welt des US-Journalismus. Nicht nur an der Journalismusschule der Columbia Universität in New York ist der ehemalige Produzent bei MSNBC.com gern gesehener Gast. Auf Storms Multimedia-Geschichten blicken amerikanische Medien mit Neugier und Hoffnung. Denn noch immer vermögen die Webseiten der großen Medien nicht die Verluste aus den sinkenden Auflagen abzufangen. Bitte wie, fragen sich viele, lassen sich die versatilen Medienkonsumenten auf den Seiten halten? Wie soll guter Journalismus im Internet aussehen? Und wie verdient man damit Geld?

Weiterlesen im Falter. lichtbringer